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Experteninterview über aktuelle Studien zur Hormontherapie

Das Interview wurde der Broschüre "Starke Frauen - Ein Ratgeber für den leichten Umgang mit den Wechseljahren" entnommen. Wenn Sie eine Frage anklicken, erscheint die dazugehörige Antwort.

foto_mueck Prof. Dr. med. Dr. rer. nat. Alfred MueckLeiter des Schwerpunktes für Endokrinologie und Menopause, Frauenklinik Universität Tübingen

1. Viele Frauen in den Wechseljahren sind verunsichert. Berichte in den Medien über aktuelle Studienergebnisse zur Hormontherapie waren der Anlass dafür. Was ist die Women's Health Initiative (WHI)-Studie? Warum wurde sie abgebrochen?

Professor Mueck: Die WHI-Studie ist die bislang größte plazebokontrollierte Studie zur Prüfung vorbeugender Wirkungen der Hormontherapie. Unter anderem sollte geprüft werden, ob Herzinfarkte verhindert werden können. Die Studie wurde abgebrochen, weil man keine Prävention von Infarkten gesehen hat und es bei der untersuchten Patientengruppe eher zu einer Zunahme von Risiken kam.

2. Warum haben die Ergebnisse für diesen großen Wirbel gesorgt?

Professor Mueck: Plazebokontrollierte Studien wie die WHI-Studie sind von großer Bedeutung für die Medizin. Die erste Auswertung dieser Studie zeigte für die dort untersuchten Frauen Risiken für Thrombosen, Schlaganfall oder auch Brustkrebs bei einem Behandlungszeitraum von länger als vier Jahren. Die Risiken in dieser Studie wurden höher eingeschätzt als der Nutzen, zum Beispiel eine Verminderung von Knochenbrüchen durch Osteoporose oder ein geringeres Risiko für Dickdarmkrebs. Jedoch fand diese Studie unter sehr speziellen Bedingungen statt, die nicht die übliche Vorgehensweise bei der Anwendung von Hormonen in Deutschland widerspiegelt.

3. Warum wurde diese Studie von Experten kritisiert?

Professor Mueck: Die Studie hatte sehr spezielle Studienbedingungen: Die Frauen waren zu Beginn der Studie durchschnittlich 63 Jahre alt, am Studienende schon über 70 Jahre. Viele Frauen wiesen schwerwiegende Risikofaktoren für Herz-Kreislauf-Krankheiten auf, beispielsweise sehr starkes Übergewicht, Bluthochdruck, Diabetes und Fettstoffwechselstörungen. Es waren auch viele Raucherinnen dabei. Weiterhin muss kritisiert werden, dass alle Frauen nur mit einem einzigen Präparat in hoher Dosierung behandelt wurden. Erfahrungsgemäß sollte eine Hormontherapie immer individuell angepasst werden Und letztendlich wurde keine Frau mit Wechseljahresbeschwerden in die Studie aufgenommen. Das heißt, es wurden genau die Frauen ausgeschlossen, für die wir die Hormone vor allem einsetzen. In der WHI-Studie sollte also lediglich die Frage beantwortet werden, ob es sinnvoll ist, nur allein zur Prävention - insbesondere zur Vorbeugung von Herz-Kreislauf-Erkrankungen - mit einer Hormontherapie auch noch im späteren Alter zu beginnen.

4. Gibt es auch positive Ergebnisse aus der WHI-Studie?

Professor Mueck: Inzwischen gibt es detaillierte Nachauswertungen der WHI-Studie, die aber wenig bekannt geworden sind. Positive Ergebnisse gibt es hinsichtlich der Osteoporose: Knochenschwund und damit einhergehende Knochenbrüche werden durch eine Hormonbehandlung verhindert. Darüber hinaus wird das Risiko für Dickdarmkrebs vermindert. Außerdem fand man heraus, dass sich bei Frauen, die jünger als 60 Jahre waren, das Risiko für einen Herzinfarkt durch die Hormonanwendung nicht erhöhte, sondern sogar reduzierte. Nach Ansicht der Autoren der WHI-Studie könnte somit für Frauen dieser Altersgruppe eine vorbeugende Wirkung der Hormone auf das Herz-Kreislauf-System in Frage kommen. Dafür sind die Hormonersatzpräparate derzeit jedoch nicht zugelassen.

5. Eine zweite Studie wird häufig zitiert: Was ist die "Million Women Study" und wie sind die Ergebnisse zu bewerten?

Professor Mueck: Die zweite große Studie, die ebenfalls in die Schlagzeilen geriet, war die "Million Women Study" aus Großbritannien. Dies war keine plazebokontrollierte Studie, sondern die Ergebnisse beruhten auf einer Fragebogenaktion bei Patientinnen. Deshalb wird ihr in Fachkreisen keine höhere Bedeutung beigemessen. Auch die große Patientenzahl sagt nichts zur Studienqualität. Im Wesentlichen zeigte die Studie, dass Frauen mit Gebärmutter nur mit einer Kombination aus Estrogenen und Gestagenen behandelt werden sollen, damit die Entstehung von Gebärmutterkrebs verhindert wird. Außerdem wurde ein erhöhtes Risiko für Brustkrebs ermittelt.

6. Steigt bei Hormoneinnahme das Risiko, an Brustkrebs zu erkranken?

Professor Mueck: Dies ist sicher für unsere Patientinnen die wichtigste Frage. Die Hormontherapie verursacht keinen Brustkrebs. Falls jedoch Brustkrebszellen vorhanden sind, können diese zum Wachstum angeregt werden. In der WHI-Studie zeigte sich dies nach vierjähriger Behandlung, aber nur für die Frauen, die bereits vor der WHI-Studie mit Hormonen behandelt wurden und nur bei Zusatz von Gestagenen. Wir wissen derzeit nicht, ob ein solches Risiko für alle Gestagene besteht.

Zum Vergleich: Unser Körper wird täglich mit Stoffen aus der Umwelt oder auch aus der Nahrung überschwemmt, die Krebszellen stimulieren oder sogar erzeugen können. Die Wirkung dieser Stoffe ist wesentlich stärker als die der zugeführten Hormone, die letztlich mit den körpereigenen Hormonen verwandt oder mit ihnen identisch sind. So ist das Risiko, Brustkrebs zu bekommen bei übermäßigem Alkoholkonsum oder für Raucherinnen viel höher als bei einer vierjährigen Hormontherapie. Ein gesunder Organismus kann Krebszellen durch eine Vielzahl von Abwehrmechanismen wieder vernichten. Regelmäßige Bewegung, Vermeidung von andauerndem Stress und gesunde Ernährung können das Risiko mit Sicherheit stark reduzieren. Zum Beispiel ist auch das Risiko für Brustkrebs bei starkem Übergewicht um ein Mehrfaches höher, als es für eine Hormontherapie in den Studien angegeben wurde.

Da es so viele Risikofaktoren für Brustkrebs gibt, sind regelmäßige frauenärztliche Vorsorgeuntersuchungen, möglichst mit der Teilnahme an den speziellen Programmen der neuen "Brustzentren", von erstrangiger Bedeutung.

Risikofaktoren für die Entwicklung von Brustkrebs

7. Dürfen Frauen mit Herz-Kreislauf-Problemen Hormone einnehmen?

Professor Mueck: Ja, falls keine akuten Erkrankungen wie Herzinfarkt und Schlaganfall vorliegen. Für jüngere Frauen kann sogar ein Schutz vor solchen Erkrankungen bestehen. Außerdem kann sich die Stoffwechsellage wesentlich verbessern, so dass die Entwicklung eines Diabetes verhindert wird. Die Hormone sollten jedoch möglichst niedrig dosiert werden und natürlich sollten auch regelmäßige ärztliche Untersuchungen erfolgen.

8. Und wie sieht es bei Osteoporose aus? Würden Sie eine Hormonsubstitution empfehlen?

Professor Mueck: Für Frauen in den Wechseljahren ist eine Hormontherapie am besten geeignet, um einer Osteoporose wirksam vorzubeugen und damit verbundene Knochenbrüche zu verhindern. Falls solche bereits vorliegen, haben wir bessere Alternativen. Umstritten ist derzeit, ob bei einer Langzeittherapie Risiken überwiegen könnten. Deshalb gibt es zur Zeit eine Einschränkung bei der Osteoporoseprävention. In Fachkreisen wird jedoch verlangt, dass diese wieder aufgehoben wird. Wenn mit der Hormontherapie frühzeitig begonnen wird, überwiegt meist der Nutzen. Dies gilt vor allem für die neuen, niedrig dosierten Präparate, die sehr effektiv einer Osteoporose vorbeugen können. Selbstverständlich ist auch auf eine ausreichende Kalziumzufuhr, unter eventueller Zugabe von Vitamin D, zu achten.

9. Wie lange kann eine Hormontherapie angewendet werden?

Professor Mueck: Die Hormontherapie sollte so lange durchgeführt werden, wie Beschwerden bestehen. Fachkreise empfehlen, Nutzen und Risiken etwa jährlich abzuschätzen. Falls man versuchsweise eine Hormontherapie absetzt, sollte dies immer in Absprache mit dem Frauenarzt oder der Frauenärztin geschehen, da dies nicht abrupt erfolgen darf. Es könnten sonst Risiken vor allem im Herz-Kreislauf-System auftreten, falls die Hormone vorher stabilisierend gewirkt haben.

10. Gibt es Alternativen für die Behandlung von Wechseljahresbeschwerden?

Professor Mueck: Die Hormontherapie ist die wirksamste Möglichkeit, Wechseljahresbeschwerden zu behandeln. Dies wird in allen einschlägigen Stellungnahmen der Fachgesellschaften dargelegt, zum Beispiel auch von der Deutschen Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie (DGGG). Das gilt insbesondere auch im Vergleich zu den heute immer wieder in den Laienmedien empfohlenen pflanzlichen Präparaten, die häufig nicht wirken und für die wir so gut wie keine Langzeiterfahrungen haben

11. Welchen Frauen sollte Ihrer Meinung nach eine Hormontherapie empfohlen werden?

Professor Mueck: Frauen mit Wechseljahresbeschwerden und mit östrogenmangelbedingten Beschwerden im Harn- und Genitalbereich ist eine Hormontherapie zu empfehlen. Nach meiner Ansicht sollte auch jüngeren Frauen mit hohem Osteoporose-Risiko zu einer Hormontherapie geraten werden, da Kalzium/Vitamin D oder Bewegungstherapie allein die Frakturen nicht verhindern können und wir für die Vorbeugung keine Präparate mit einem günstigeren Nutzen-Risiko-Profil in dieser Altersklasse haben.

12. Wann darf eine Patientin keine Hormone einnehmen?

Professor Mueck: In erster Linie sind hier Frauen mit Brustkrebs und Gebärmutterkrebs zu nennen. Auch nach der Behandlung der Erkrankung, da hier die Gefahr sehr hoch ist, dass noch Krebszellen vorhanden sind, die stimuliert werden können. Ebenso gehört eine akute oder auch durchgemachte Venenthrombose zu den Gegenanzeigen für eine Hormontherapie. Bei einem instabilen Bluthochdruck kann die Hormontherapie Probleme bereiten und in der akuten Situation eines Herzinfarktes oder Schlaganfalls sind Hormone gar nicht geeignet. Wenn ein Schlaganfall oder Herzinfarkt länger zurückliegt, kann eine Hormontherapie erfolgen. Dann jedoch nur in enger Abstimmung mit dem behandelnden Arzt.

 
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