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Keine Angst vor dem Verlangen

foto_kurt_starke Prof. Dr. Kurt Starke Leiter der Forschungsstelle "Partner und Sexualforschung", Leipzig

Frauen jenseits der letzten Regelblutung wird gern nachgesagt, sie verlieren schnell die Lust am Sexuellen. „Der Augen Feuer weichet, die Brunst wird Eiß.“ So heißt es in einem Gedicht von Martin Opitz vor 380 Jahren. Diese Frauen, so wird angenommen, sehen sich selbst nicht mehr als Sexualwesen und sinnliche, liebesfähige Frauen. Sie wären, von Leiden aller Art geplagt, untauglich fürs Küssen und Kosen.

Dem ist keineswegs so, wie eben unsere für Deutschland repräsentative Studie mit 1040 Frauen zwischen 50 und 60 Jahren ergab.*

Fast keine Frau hält Sexualität für die Beziehung für unwichtig. Dabei bedeutet Sexuelles nur für ganz wenige Frauen Pflicht und Stress. Für die allermeisten ist es Lebensfreude, Lust, körperliches Vergnügen und vor allem Zärtlichkeit und Nähe. In dem sexuellen Miteinander sehen sie ihre Weiblichkeit bestätigt und fühlen sich begehrt. Begehrt und körperlich angenommen zu werden – darin drückt sich nicht nur ein Ich-Bezug und ein Selbstwertanspruch aus, sondern auch eine kommunikative, interaktive Haltung, eine Außengerichtetheit. Begehrt zu werden, bedeutet ja immer, dass man von anderen Menschen oder einem bestimmten Menschen begehrt wird.

Das Verlangen nach sexuellem Austausch und die Häufigkeit von Geschlechtsverkehr sind je nach Temperament und Laune und den aktuellen Befindlichkeiten von vielen Bedingungen abhängig. Frauen, die ihren Partner sehr lieben – und das sind die meisten – haben im Durchschnitt 6,2 mal Geschlechtsverkehr im Monat. Die ihn weniger lieben, aber nur 2,5 mal. Eine gute Beziehung zu haben und sich in ihr wohlzufühlen, ist die wichtigste Bedingung für sexuelle Aktivität und bleibt sie auch in den meist langen Beziehungen in diesem Alter. Die Lust geht auch nach 20 oder 40 Ehejahren nicht verloren. Im Gegenteil: Ältere Frauen in Langzeitbeziehungen kommen häufiger zum Orgasmus als jüngere in kürzeren Beziehungen. Sie haben zwar nach und nach etwas seltener Verkehr, aber immer noch weit häufiger als Single-Frauen.

Die meisten Frauen zwischen 50 und 60 sind mit der Häufigkeit des Geschlechtsverkehrs zufrieden. Die meisten Paare haben sich auf ein bestimmtes Maß eingependelt. Für 70% war die Häufigkeit des Geschlechtsverkehr im letzten Monat „gerade richtig“, nur für 6% „eher zu oft“. Ein „eher zu oft“ in Partnerbeziehungen ist selten, auch weil diese Frauen nicht dazu neigen, dem Verlangen des Mannes nachzugeben, wenn sie selber nicht wollen. Dagegen bewertet ein Viertel der befragten Frauen (24%) die reale Häufigkeit als „eher zu selten“. Dass Frauen von 50-60 sexuell mehr wollen als sie haben, auch in Form von Geschlechtsverkehr, gehört zu den beeindruckenden Ergebnissen unserer Studie.

Selbstverständlich besteht ein Zusammenhang zwischen dem Gesundheitszustand und der sexuellen Aktivität. Generell bestätigt sich die alte Erkenntnis: Wer sich gesund fühlt, ist sexuell aktiver. Und wer sexuell aktiv ist, fühlt sich gesünder (und ist es auch), gerade mit zunehmendem Alter. Allerdings finden sich auch Ausnahmen: Manche Frauen sind zwar kerngesund und haben Lust – aber sie haben keinen Partner oder nicht den richtigen. Oder: Manche Frauen haben zwar Beschwerden, aber trotzdem Lust und einen lieben Partner - und so schlafen sie miteinander. Nicht selten mindert das dann auch die Beschwerden. Ein Beispiel dafür ist in unserer Studie die Schlaflosigkeit – nach Gelenk- und Muskelbeschwerden und noch vor Hitzewallungen und Schwitzen das zweithäufigste Gesundheitsproblem in den Wechseljahren. Sexuell aktive Frauen leiden deutlich weniger oder überhaupt nicht unter Schlafstörungen.

Nicht ohne Bedeutung sind Hormone im Zusammenhang mit den Wechseljahren. Frauen mit Hormonsubstitution haben im Durchschnitt ein etwas höheres sexuelles Verlangen, sind sexuell aktiver und betrachten eher als andere (insbesondere als Frauen, die eine Hormontherapie abgebrochen haben) Sexualität als belebendes, lebensfreudiges, lustvolles, vitalisierendes Element ihres Lebens.

Sexualität belebt nicht nur die Beziehung, sondern das ganze Selbst. Sexualität ist für Frauen dieses Alters nichts, was sie tendenziell belastet. Für die meisten ist es ein Lebenselixier und kein Lebensproblem. Realistischer Weise idealisieren sie Sexualität nicht. Sie wissen auf Grund ihrer Lebens- und Liebeserfahrung, dass Sexuelles nicht immer gleich ist und Höhen und Tiefen in sich birgt. Jedoch sind die sexuell aktiven Frauen in weit höherem Maße mit ihrem Leben "sehr zufrieden" als die sexuell inaktiven (41% zu 13%). 26% haben im Moment keine Lust auf Sex. 14% verspüren Schmerzen beim Geschlechtsverkehr – mindestens 20% leiden unter dem für dieses Alter typischen Problem der trockenen Scheide. 22% fühlen sich zu wenig begehrt. 33% sagen, sie hätten zu wenig Sex – und 38% zu wenig Zärtlichkeit. Gerade das Berührtwerden, der intime Körperkontakt – ist für sie von besonderer Beutung: Sie sind sinnlich.

Unsere Studie enthält einen Selbstbildtest, der diesbezüglich überraschende Ergebnisse erbringt. Wer annimmt, dass sich Frauen jenseits der 50 niedergedrückt, minderwertig, krank, traurig, überflüssig, einsam fühlen, der irrt. Dass es solche Gefühle gibt, temporär oder auch chronisch, ist unbestritten. Aktuell benennen sie etwa 10-20% der Frauen. Aber diese Generation, emanzipatorisch sozialisiert, ist eine selbstbewusste Generation und empfindet sich auch so. Sie ist kontaktfreudig, attraktiv, genussfähig, begehrenswert, fraulich, humorvoll, zärtlich und sexuell aktiv. Sie hat keine Scheu, dies zum Ausdruck zu bringen. Fast alle der befragten Frauen (98%) bezeichnen sich als mehr oder weniger sinnlich. Das ist im Zeitalter beschworener Entsinnlichung und Unlust eine Sensation!

Die Frauen zwischen 50 und 60 wissen natürlich, dass mit dem Ausbleiben der Regel und dem Verlust der Fruchtbarkeit eine neue Lebensetappe beginnt. Aber sie möchten nicht auf die Wechseljahre reduziert werden, und ihren weiteren Lebensweg stellen sie sich trotz mancherlei Beschwerden nicht als einen Leidensweg vor. Frauen dieser Generation richten sich nicht auf ein Weniger ein, sondern wollen noch Etwas, wollen noch mehr in ihrem Leben, nicht zuletzt in der Liebe und in der Sexualität.

Kurt Starke: Postmenopause und Sexualität, Forschungsbericht 2007
Kurt Starke, Frauenarzt, Heft 10/2007 (Beilage; gekürzte Fassung)

 
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